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Serie: Best of RegJo: 3/2009 – Andreas Lemberg

Andreas Lemberg ist Künstler, sein Auftreten jedoch völlig ungekünstelt. Der Provokateur hat es sich und seinen Mitmenschen nie leicht gemacht. Als Urheber eines einzigartigen Stils kann er sich das vielleicht auch leisten.

Lemberg war immer kontrovers. Ein Mann, der sagt, was er denkt, sich wenig darum schert, was andere von ihm halten. So scheiden sich auch die Geister, wenn es um Lemberg geht: Die einen schätzen ihn – die anderen verachten ihn. Eines allerdings wird deutlich, wenn man mit Lemberg spricht: Nichts ist gekünstelt oder affektiert, er spielt keine Rolle, es ist alles echt. So nimmt er auch kein Blatt vor den Mund, wenn er sich mal wieder über Göttingens Kunstszene auslässt oder über die Deutschen und ihren fehlenden Stil. Doch der Zwei-Meter-Mann hat es satt, von allen gefürchtet zu werden, denn, wie er sagt, „Ich bin eigentlich ganz nett“.

„Früher habe ich vor jedem Interview ne halbe Flasche Whiskey getrunken. Heute reichen zwei Prosecco.“

Eines kann man in jedem Fall sagen: Etwas Elitäres fehlt Lemberg ganz. Er sieht sich als Pop-Art-Künstler und als solcher sollen seine Bilder nicht einer reichen Oberschicht vorbehalten sein; er malt für jeden und jeder soll seine Bilder besitzen können. Die Sympathie für Underdogs hegt er seit seiner Kindheit, denn als jemand, der in einem Teil Göttingens aufgewachsen ist, der als „sozialer Brennpunkt“ gilt, bestand sein Freundeskreis schon in der Schule hauptsächlich aus Immigranten und Kindern sozial benachteiligter Familien. Das hat ihn, wie er sagt, früh Offenheit für andere Kulturen gelehrt und Verständnis für Menschen aus ärmeren Verhältnissen. Viele „Spießer“, wie er sie nennt, wollen ja mit solchen Leuten überhaupt nichts zu tun haben.

Der Wunsch, Maler zu werden, der entstand erst nach und nach. Obwohl er als Kind schon gern gemalt und gezeichnet hat, später vor allem Comics, träumte er als Jugendlicher von einer Karriere als Rockmusiker. „Aber das wollte ich mehr wegen der Frauen.“ Dass seine Eltern damals alles andere als begeistert von seinen Vorstellungen waren, das kümmerte Lemberg wenig. Sein Vater, im gehobenen Postdienst tätig, drängte seinen Sohn anfangs noch zu einer Lehre als Industriekaufmann, die Lemberg nach ganzen zwei Monaten abbrach. Das war nichts für ihn, sagt er, er wollte Kunst machen und im Grunde sei ihm auch egal gewesen, ob seine Eltern ihn nun unterstützen oder nicht. „Ich hab immer gemacht, was ich wollte.“ In Kassel hat er dann zunächst Film studiert; Lemberg ist ein visueller Typ, Momente, Schönheit festhalten, das ist ihm wichtig, das Medium ist zweitrangig. Während dieses ersten Studienjahres ist er dann „irgendwie auf die Idee gekommen, doch lieber Malerei zu machen“.

„Ich möchte immer zeigen, was ich fühle. Mir geht es nicht um irgendeine Botschaft, es geht um Schönheit.“

So brach er 1970 sein Filmstudium ab und studierte stattdessen Visuelle Kommunikation weiter, unter anderem bei Karl Oskar Blase. Viel gebracht hat ihm das sechsjährige Studium aber nicht. Das meiste hat er sich selbst beigebracht, sagt er. „Zum Künstler wird man geboren. Das ist wie mit der Musikalität – Kunst, das ist einfach in den Menschen drin. Wenn man’s lernt, dann wirkt es verkrampft.“ Verkrampft wirkt bei Lemberg nichts. „Ich male, was ich fühle.“ Neben Landschaftsbildern, Reklametafeln und Großstadtszenen waren das auch zahlreiche Aktbilder. Früher stand ihm dafür hauptsächlich seine Frau Barbara Modell. Damals, Ende der 70er Jahre, sagt er, war das in Göttingen regelrecht eine Revolution. „Mein Sohn Aljoscha wurde deswegen in der Schule sogar gemobbt und bei Elternabenden wurde meine Frau gefragt, wie sie damit zurecht käme, dass im Rathaus Aktbilder von ihr hingen. Da haben wir uns wirklich manchmal gedacht, wie unglaublich spießig die Leute sind.“ Barbara, mit Lemberg seit 1977 verheiratet, ist studierte Grafikdesignerin, hat ihren Beruf aber aufgegeben, weil sie sich lieber völlig darauf konzentrieren wollte, ihren Mann und seine Kunst zu unterstützen. Und zumindest ihre Tochter Liliana ist, was die Kunst betrifft, in Lembergs Fußstapfen getreten: Ihr Stil ähnelt sehr dem ihres Vaters.

„Man kann nicht entscheiden, Künstler zu werden. Dann wird nichts draus. Es ist eine innere Berufung.“

Leicht hatten es die Lembergs zeitweise nicht. Obwohl Lemberg zwischenzeitlich halbtags in der Bibliothek des Psychologischen Instituts in Göttingen jobbte, war das Geld stets knapp. Abhängig war er immer davon, wie viele Bilder er verkauft. Entmutigen lassen hat Lemberg sich trotz aller Widrigkeiten jedoch nie. Auch nicht, als er nur noch 40 Mark in der Tasche hatte und nicht wusste, wie er im nächsten Monat die Miete bezahlen sollte. Irgendwie hat er immer mit der Hoffnung und der Zuversicht gelebt, dass es bald wieder aufwärts gehen würde. Die Malerei aufgeben – das ist ihm nie in den Sinn gekommen. Stattdessen hat er auch mal ab und zu ein Bild verschenkt. Verbreitung war ihm wichtig. Künstler, die ihre Bilder zu Hause horten, weil sich niemand leisten kann, sie zu kaufen, kann er nicht verstehen: „Ich wollte immer, dass möglichst viele Leute meine Bilder besitzen.“ Dass er dieses Ziel erreicht hat, daran kann kein Zweifel bestehen. Nicht nur Göttinger Restaurants wie das La Romantica, das Rialto oder das Alfredo sowie Arztpraxen schmücken ihre Wände mit „echten Lembergs“, auch in Privathaushalten sind viele seiner Werke zu finden. Manchmal, so erzählt er, wenn er abends durch Göttingen spaziert, sieht er durch ein Fenster eines seiner Bilder, von dem er völlig vergessen hatte, dass er es gemalt hat. Bei etwa 1.000 gemalten Bildern auch nicht verwunderlich. Lemberg selbst hingegen besitzt nur ein einziges: Ein Selbstportrait von 1984, damals noch in Verwischtechnik gemalt. Alte Bilder aufzuheben, das würde einen nur einengen, sagt er, denn schließlich müsse es immer weitergehen. Stillstand gleich Tod, im Leben wie in der Kunst. Und so sind auch sein Leben, seine Person untrennbar mit der Malerei verbunden: „Ein richtiger Künstler ist immer Künstler.“ Ideen habe er nicht nur von 9 bis 17 Uhr, Ideen kämen ihm immer, selbst im Traum. Für manche ist Lemberg der Inbegriff eines Künstlers: Er lebt von, mit und in der Kunst.

„In meinem Beruf muss man immer auf das Gute hoffen. Ohne Gottvertrauen funktioniert das nicht.“

1984 ein Einschnitt. Lemberg erhielt ein Künstlerarbeitsstipendium des Landes Niedersachsen, es folgten zahlreiche Ausstellungen in Göttingen und Umgebung. Mitte der 90er Jahre eröffnete er dann eine Galerie in Venedig, kurze Zeit darauf siedelte die ganze Familie nach Italien um. Seine Galerie stand direkt am Markusplatz, er verkaufte gut, bekam mehr Geld für seine Bilder als es in Deutschland je möglich wäre – nicht nur wegen der kauffreudigen Touristen, nein, auch, weil die Italiener mit Kunst anders umgehen. Hierzulande, findet Lemberg, hat der Künstler kein hohes Ansehen. „Die Deutschen haben ein ganz bestimmtes Bild vom Künstler: Der hat nie Geld, der ist immer betrunken, unzuverlässig noch dazu und kommt immer zu spät – oder der ist eben sehr nachdenklich, hat einen weißen Bart und grübelt den ganzen Tag.“ In Italien dagegen wird er mit „Maestro“ angeredet, „und wenn man mal ein bisschen viel getrunken hat und durch die Gassen wankt“, dann ist das nicht so schlimm, eben eine Eigenheit, die man sich als Künstler durchaus erlauben kann. In Deutschland hat man als Künstler einen sehr unsicheren Status, die Banken gewähren einem Maler schwerlich Kredit: „In eine Galerie zu investieren, das ist ihnen zu riskant. Da hat man bessere Chancen, wenn man eine Dönerbude aufmachen will.“ In Italien sei das anders. Die Bank in Venedig hätte ihm für seine Galerie mehr Geld gegeben als er überhaupt haben wollte. In Italien geht man auch mal mit dem Bankdirektor essen. Und wenn man Glück hat, kauft der dann auch noch ein Bild. La Dolce Vita, davon könnten sich die Deutschen mal ein Scheibchen abschneiden.

„Der Deutsche hat keinen Stil – so wie er wohnt, so wie er sich anzieht, so wie er sich gibt.“

Wegen finanzieller Schwierigkeiten – unter anderem brach nach dem 11. September der Tourismus ein – musste Lemberg 2003 seine Galerie in Venedig schließen. Da kam das Angebot Hans Georg Näders, in Duderstadt ein Haus zu beziehen, genau rechtzeitig. Nicht lange danach jedoch überwarf Lemberg sich mit Näder und zog mit seiner Familie nach Klein Schneen. 2006 ging er noch einmal nach Italien, wo er in der Toskana versuchte, eine Galerie zu eröffnen. Ein Versuch, der fehlschlug. Mittlerweile wohnt Lemberg im Iduna-Zentrum, dem Hochhauskomplex, der zu Göttingens unschöneren Ecken zählt. Lemberg allerdings fühlt sich genau aus diesem Grund dort wohl. „Ich mag das Multikulturelle und auch das morbide Flair des Iduna-Zentrums. Was da für Sachen passieren, das habe ich so noch gar nicht erlebt. Das finde ich interessant und ich verstehe mich gut mit den Leuten.“ Ein bisschen Fernweh klingt durch in Lembergs Worten, wenn er von der multikulturellen Atmosphäre schwärmt oder davon, wie sehr er es genießt, andere Sprachen zu hören. Genau dieses Fernweh macht sich auch bemerkbar, wenn er von Italien erzählt, insbesondere von Venedig: „Ich habe mich da so wohl gefühlt wie noch nie in meinem Leben.“ Italien zieht sich auch durch seinen Göttinger Alltag – sein selbsternanntes Wohnzimmer ist das italienische Restaurant Rialto, beim Malen hört er „italienische Schnulzen“ und sein Lieblingsbild ist ein Bild, das er in der Toskana mit der Kamera aufgenommen und dann auf die Leinwand gebracht hat. Auf dem Bild ist nur ein Schild zu sehen: „Bar Impero“. Es ist die Erinnerung an diesen schönen Moment, die das Bild für ihn so kostbar macht. „Sobald es die wirtschaftliche Lage wieder zulässt“, sagt er mit einer Spur von Wehmut, „würden wir nicht zögern, wieder nach Italien zu ziehen.“

Ob es ihm denn trotzdem in Göttingen gefällt? „Ja, super.“ Man kann sich des Eindrucks einer gewissen Ironie nicht erwehren, denn gleich darauf fängt Lemberg an, über die Kunstszene in Göttingen zu schimpfen, insbesondere beim Thema Künstlerhaus wird er leidenschaftlich. „Was ist denn das Künstlerhaus von Göttingen? Also Schwachsinn kann ich da nicht mal mehr zu sagen.“ Junge Leute sollten sie fördern, immerhin bekämen sie sogar öffentliche Gelder. Stattdessen würden da seit 40 Jahren immer nur dieselben Leute ausstellen. „Das Künstlerhaus ist nichts anderes als ein Rentnerverein.“ Immerhin hat Göttingen um die 24.000 Studenten, da müsse doch einer dabei sein, der malt. „Dass Göttingen für eine Universitätsstadt nicht einmal ein Kunstmuseum hat, sondern nur ein Städtisches Museum, wo ein alter Webstuhl steht und irgendwelche Tongefäße, die man ausgegraben hat, ist doch mehr als beschämend!“ In den Sport wird viel Geld investiert, in die Kunst dagegen nichts. Das Versäumnis liegt bei der Stadt. Lemberg fällt ein vernichtendes Urteil: „Geistig ist hier nichts. Null.“

„Künstler in Göttingen? Das sind doch alles nur Hausmütterchen, die dann irgendwelche Blümchen malen – so was Dilettantisches!“

Ein Mann der Diplomatie ist Lemberg nicht. Will er auch gar nicht sein. Und dass er mit stilleren Tönen mehr erreichen könnte, das glaubt er nicht. Im Gegenteil: „Ich finde, wenn mehr Leute mal auf den Putz hauen würden, würde sich vielleicht auch mal was tun – es gibt ja zu viele Leute, die nicht wirklich aus sich herauskommen oder die Wahrheit sagen.” Auf den Putz hauen – den Ausdruck benutzt er oft. Er ist bezeichnend für ihn, für seine Art, die, gelinde gesagt, nicht überall auf Verständnis stößt. Doch sich ändern, das kommt Lemberg nicht in den Sinn. „In meinem ganzen Leben habe ich immer was erreicht mit der Art, die ich habe.” Lemberg ist ein Mann mit Ecken und Kanten, er steht dazu. Genauso wie er dazu steht, dass Geld für ihn einen hohen Stellenwert hat. „Mein Schwiegervater hat immer gesagt, das Leben ist schön und teuer. Man kann’s auch billiger haben, dann ist es aber nicht mehr so schön.“ Wenn er mal kein Geld hat, gibt Lemberg zu, hat er schlechte Laune. „Ohne Geld hat man einfach weniger Spaß.“ Und so ist für Lemberg das größte Kompliment, das man ihm für eines seiner Bilder machen kann – ein Scheck über 10.000 Euro. Denn schöne Worte seien nur schöne Worte und ob das alles wirklich ehrlich gemeint ist, das könne man nie wissen. Dass jemand bereit ist, viel Geld für eines seiner Bilder auszugeben, das ist dagegen eine handfeste Bestätigung, das zeigt ihm, dass dem Käufer das Bild wirklich gefällt. So kam er auch auf die Idee, Kopien seiner Bilder anzufertigen. Seine berühmte „Allee“ gibt es circa 300-mal. Den abschätzigen Vorwurf der reinen Verbrauchskunst lehnt er aber ab. „Jedes Bild ist ein Original, jedes Bild ist immer anders als das andere, auch wenn es das gleiche Motiv ist.“ Schließlich habe Monet seine Seerosen auch 47-mal gemalt. 

„Klar wird das langweilig, 300-mal dasselbe Motiv zu malen. Aber das ist nun mal mein Job.“

Einzigartigkeit, eine eigene Handschrift haben, das ist Lemberg wichtig. Dass seine Bilder einzigartig sind, daran besteht kaum ein Zweifel. Durch seine ganz spezielle Verfremdungstechnik, bei der er mit einem Zahnspachtel über das noch nicht getrocknete Ölbild zieht, zerfließen die Motive leicht – dadurch mutet den Bildern ein Hauch von Zerstörung an, eine Atmosphäre der Vergänglichkeit. Allerdings ist auch das nur eine Interpretation von vielen. Was der Betrachter in Lembergs Bildern sieht, das ist ihm selbst überlassen. „Ich will keine Geschichten erzählen. Ich möchte auch nicht andere Menschen zum Denken anregen darüber, wie schrecklich es ist, dass Nordkorea im Besitz der Atombombe ist oder irgendwas in der Art.“ Was er will, ist die Schönheit des Augenblicks einfangen. Der Künstler als Zeuge, der einen Moment, einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit festhält, um ihn zu konservieren, aufzuheben für die Nachwelt – die Welt durch die Augen des Künstlers sehen, darin liegt der ganze Sinngehalt seiner Bilder. Dahinter verschwinden auch die Ecken und Kanten eines für viele unbequemen Geistes.

Text: Johanna Lal  Fotografie: Nikolaj Georgiew

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